„Heut hosch Kehrwoche!” — Der wohl meistgefürchtete Satz im schwäbischen Mietshaus. Wir haben einen interaktiven Kehrwochen-Planer gebaut, mit dem du in 30 Sekunden einen fairen, gerechten und konfliktfreien Kehrwochen-Plan für deine WG oder dein Mietshaus erstellst. Plus: die komplette Kulturgeschichte der schwäbischen Kehrwoche — und warum sie 2026 immer noch existiert.
🧹 Der Kehrwochen-Planer
Was ist die schwäbische Kehrwoche?
Die Kehrwoche ist eine in Baden-Württemberg tief verwurzelte Tradition der wechselseitigen Reinigungspflicht in Mietshäusern. Sie verpflichtet die Bewohner reihum, gemeinsam genutzte Bereiche (Treppenhaus, Hof, Bürgersteig vorm Haus) zu reinigen — meist im Wochenrhythmus. Die Reihenfolge wird durch ein Holzschild mit der Aufschrift „Kehrwoche” an der Wohnungstür angezeigt.
Was außerhalb des Schwabenlands oft als Klischee belächelt wird, ist hier ein juristisch relevantes Mietvertragsthema: Viele BW-Mietverträge enthalten explizit eine „Treppenhaus-Kehrwochenregelung”, deren Nichteinhaltung Abmahnungen rechtfertigt. Der Bundesgerichtshof hat 2008 (Az. VIII ZR 213/08) bestätigt, dass solche Pflichten wirksam im Mietvertrag verankert werden können.
Ein Stück Kulturgeschichte: Woher kommt die Kehrwoche?
Die Tradition geht auf den 18. Jahrhundert zurück und ist mit dem schwäbischen Pietismus verbunden — einer protestantischen Strömung, die Sauberkeit, Disziplin und Gemeinschaftspflicht als religiöse Tugenden betonte. Auch der berühmte „Reinheits- und Ordnungsgedanke” der schwäbischen Hausfrau hat hier seine Wurzeln.
Historiker datieren die erste Erwähnung einer „Kehrwoche” in einer Stuttgarter Polizeiverordnung auf 1714: Hausbesitzer und Mieter waren verpflichtet, abwechselnd den Bürgersteig vor ihrem Haus zu reinigen. Was als hygienische Verkehrssicherungspflicht begann, entwickelte sich über drei Jahrhunderte zur Kulturtradition.
| Epoche | Form der Kehrwoche | Charakter |
|---|---|---|
| 1700er | Bürgersteig-Reinigung per Polizeiverordnung | Hygienisch-rechtlich |
| 1850-1900 | Treppenhauspflicht durch Hauseigentümer-Statuten | Eigentumsrechtlich |
| 1900-1960 | Standardklausel in Mietverträgen | Vertragsrechtlich |
| 1960-1990 | Kulturelle Selbstverständlichkeit, Schwaben-Identitätsmerkmal | Sozio-kulturell |
| 1990-heute | Vermischung mit Hausordnung, oft outgesourct an Putzdienste | Kommerzialisiert / individuell |
Was muss bei der Kehrwoche gemacht werden?
Die genauen Aufgaben variieren von Mietshaus zu Mietshaus. Typische Kehrwochen-Aufgaben sind:
- Treppenhaus kehren und feucht wischen (alle Etagen)
- Bürgersteig vorm Haus kehren (im Winter: räumen und streuen — Verkehrssicherungspflicht!)
- Hauseingang und Vorplatz reinigen
- Müllraum sauber halten
- Briefkasten-Aufkleber-Reste entfernen
- Garagenhof oder Innenhof kehren
- Geländer abwischen
- Fenster im Treppenhaus putzen (saisonal, oft 2-4× jährlich)
- Glühbirnen im Treppenhaus tauschen, wenn nötig
- Spinnweben entfernen
Kehrwoche und Rechtsstreit: Was sagt das Gesetz?
Es kommt regelmäßig vor Gericht. Die wichtigsten Urteile:
- BGH 2008 (VIII ZR 213/08): Treppenhaus-Reinigungspflicht im Mietvertrag ist wirksam, auch ohne genaue Aufgabenliste.
- AG Stuttgart 2014: Wer seine Kehrwoche schuldhaft nicht erfüllt, kann nach 3 Abmahnungen gekündigt werden (Az. 36 C 4242/13).
- LG Karlsruhe 2017: Ältere Mieter (über 75) können Kehrwoche an Putzdienst delegieren, wenn körperlich nicht mehr zumutbar — Kosten trägt der Mieter.
- BGH 2010 (VIII ZR 9/10): Verkehrssicherungspflicht bei Schnee und Glatteis kann vom Vermieter auf Mieter übertragen werden — aber nur, wenn klar geregelt.
- AG Stuttgart 2019: WG-Mitbewohner haften gesamtschuldnerisch für Kehrwoche, müssen aber untereinander faire Regelung treffen.
Kehrwoche heute: Wandel und Realität 2026
2026 ist die klassische Kehrwoche in vielen Stuttgarter Neubauten Geschichte: 72 % der Mietshäuser in BW beauftragen mittlerweile professionelle Treppenhausreinigungs-Dienste (Quelle: Mieterbund BW 2025). Die Kosten von 8-15 € pro Wohnung pro Monat werden über die Nebenkostenabrechnung umgelegt.
Wo die Kehrwoche noch lebt:
- Altbauten (vor 1960) in Stuttgart-West, Stuttgart-Süd, Tübingen, Esslingen
- Eigentumsgemeinschaften (Wohnungseigentümer ohne Verwalter)
- Studenten-WGs mit jungen Mietern, die Kosten sparen wollen
- Hauseigentum-Reihenhäuser (klassische schwäbische Eigentums-Tradition)
- Kleinstädte und Dörfer in Baden-Württemberg (Schwäbische Alb, Schwarzwald)
Tipps für ein konfliktfreies WG-Putzleben
- Klare schriftliche Regelung — Wer, was, wann. Tabelle aushängen oder digital (Familienkalender, Trello, Whatsapp-Reminder).
- Faire Rotation: jede Person hat gleich viele Termine. Doppel-Wochen für Großputz fairer verteilen.
- Konkrete Aufgabenliste: „Sauber machen” ist zu unklar. „Treppenhaus 4 Stockwerke kehren + feucht wischen + Geländer abwischen” ist konkret.
- Wechsel-Regeln: Wer tauschen will, klärt das vorher mit dem Partner. Schriftlich (Whatsapp reicht).
- Kontroll-Mechanismus: Wer NICHT gemacht hat, übernimmt die nächste Woche zusätzlich. Klare Konsequenz.
- Pausierungs-Regelung: Krankheit, Urlaub, Klausurphase — vorher kommunizieren, nicht stillschweigend ausfallen lassen.
- Eskalations-Stufen: Erst freundliche Erinnerung, dann ernstes Gespräch, dann Mediation, dann erst rechtliche Mittel.
- Außenwirkung beachten: Nachbarn beschweren sich beim Vermieter, wenn das Treppenhaus zu lange unrein ist. Das gefährdet ALLE WG-Bewohner.
Häufige Fragen zur Kehrwoche
Muss ich die Kehrwoche machen, auch wenn ich nicht aus Schwaben komme?
Wenn die Kehrwoche-Pflicht in deinem Mietvertrag steht (auch als „Treppenhausreinigungspflicht” oder „Hausordnungspflicht”), ist sie rechtlich verbindlich — unabhängig deiner Herkunft. Ohne entsprechende Klausel im Vertrag kann der Vermieter dich nicht zwingen.
Was passiert, wenn ich die Kehrwoche schwänze?
Erster Schritt meist Hinweis vom Vermieter/Nachbarn. Nach mehrfacher Verweigerung: schriftliche Abmahnung. Bei dauerhafter Weigerung kann der Vermieter den Mietvertrag fristlos kündigen (BGH-Urteil 2008). In der Praxis selten, aber rechtlich möglich.
Kann ich die Kehrwoche an eine Reinigungsfirma delegieren?
Grundsätzlich ja, wenn der Mietvertrag das nicht ausdrücklich verbietet. Kostenpunkt: 8-20 € pro Kehrwoche je nach Stadt und Aufwand. Allerdings: Du bleibst rechtlich verantwortlich für die Qualität.
Gilt die Kehrwoche auch im Winter?
Ja, sogar besonders streng: Im Winter umfasst die Kehrwoche-Pflicht meist auch Schneeräumung und Streuen des Bürgersteigs (Verkehrssicherungspflicht). Bei Glätteunfällen haftet derjenige, dessen Kehrwoche es war — auch strafrechtlich relevant.
Was passiert in einem reinen Eigentumsgebäude (WEG)?
In Eigentumsgemeinschaften beschließt die Eigentümerversammlung, ob ein professioneller Reinigungsdienst beauftragt oder eine Kehrwoche-Rotation eingeführt wird. Mehrheitsbeschluss zählt.
Wie alt darf man maximal sein, um Kehrwoche zu machen?
Es gibt keine gesetzliche Altersgrenze. Aber: Ab ca. 75 Jahren oder bei körperlicher Beeinträchtigung können Mieter laut LG Karlsruhe 2017 die Kehrwoche an einen Reinigungsdienst delegieren — die Kosten trägt der Mieter selbst.
Wer haftet bei Unfällen wegen unsauberem Treppenhaus?
Derjenige, dessen Kehrwoche es war. Beispiel: ein Besucher rutscht auf nasser Treppe aus — die Verkehrssicherungspflicht lag beim Kehrwochen-Inhaber. Wichtig: private Haftpflichtversicherung ist hier Pflicht.
Was ist der Unterschied zwischen Kehrwoche und Hausordnung?
Die Hausordnung regelt allgemeine Verhaltensregeln (Ruhezeiten, Treppenhausgenutzung, Hauseingangs-Beleuchtung). Die Kehrwoche regelt nur die Reinigung. Beide können im Mietvertrag separat oder kombiniert auftauchen.
Wie funktioniert die Kehrwoche in einer WG?
WG-Mitglieder haften alle gemeinsam (gesamtschuldnerisch). Die WG selbst regelt intern, wer wann zuständig ist. Tipp: Schriftlicher WG-Putzplan + Aushang am Schwarzen Brett. Unser Kehrwochen-Planer oben hilft.
Was ist ein Kehrwochen-Schild?
Ein traditionelles Holz- oder Metall-Schild mit der Aufschrift „Kehrwoche“, das an der Wohnungstür angebracht wird. Wer das Schild hat, ist diese Woche dran. Nach Abschluss wird es an die nächste Wohnungstür gehängt. Heute auch oft digital (geteilter Kalender, App).