Bertha-Benz-Memorial-Route — Interaktive Karte der ersten Auto-Fernfahrt 1888

Bertha-Benz-Memorial-Route 1888

Am 5. August 1888 startete eine 39-jährige Mannheimerin heimlich die erste Auto-Fernfahrt der Welt. Mit ihren zwei Söhnen Eugen (15) und Richard (14) fuhr Bertha Benz mit dem Patent-Motorwagen Nr. 3 ihres Mannes 106 km von Mannheim nach Pforzheim — durch eine Welt, die noch keine Tankstellen, keine Werkstätten und keine Verkehrsregeln für Autos kannte. Hier ist die interaktive Karte ihrer historischen Reise — Schritt für Schritt, Pannen-für-Panne.

🗺 Die historische Route — Interaktive Karte

📏 Original-Route: ca. 106 km · ⏱ ca. 12 Stunden · ⚡ max. 16 km/h
🧠 Geschichts-Tipp: Carl Benz wurde erst nach Ankunft per Telegramm informiert. Sein Patent-Motorwagen Nr. 3 hatte einen 2,5-PS-Einzylinder-Motor (954 ccm Hubraum, 600 U/min) und wog ca. 360 kg. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 16 km/h — etwa Pferdegeschwindigkeit beim Trab.
  • Roter Marker = Originale Stationen vom 5. August 1888
  • Blauer Marker = Erweiterung der heutigen Memorial-Route
  • Goldener Stern = Wiesloch — erste Auto-Tankstelle der Welt

🔧 Der Wagen — Benz-Patent-Motorwagen Nr. 3 (1888)

Technische DatenWert
MotorEinzylinder-Viertaktmotor, liegend
Hubraum954 ccm
Leistung2,5 PS (1,8 kW)
Drehzahl max.600 U/min
Höchstgeschwindigkeit16 km/h (10 mph)
Verbrauchca. 10 Liter/100 km (Ligroin)
Tank-Kapazität4,5 Liter
Reichweiteca. 45 km pro Tankfüllung
Gewichtca. 360 kg
Räder3 (zwei hinten Antrieb, eines vorn Lenkung)
BremseLeder-Klotzbremse am Hinterrad
LenkungDrehkurbel
Preis 1888ca. 4.000 Mark (entspricht ca. 70.000 € heute)

📖 Die ganze Geschichte: Was Bertha Benz wirklich tat

Vor der Fahrt — die Frustration

Seit Carl Benz’ Patenterteilung am 29. Januar 1886 (Patent-Nr. 37435) waren über zwei Jahre vergangen — und kaum ein Mensch hatte einen Motorwagen verkauft bekommen. Carl Benz traute der eigenen Erfindung nicht. Er war perfektionistisch, zaghaft, immer wieder mit kleinen Verbesserungen beschäftigt. Bertha sah das mit wachsender Frustration. Sie hatte einen Großteil ihrer Mitgift in die Werkstatt investiert — und wollte endlich einen Beweis der Praxis-Tauglichkeit. Die kommerzielle Existenz der Familie hing davon ab.

Die Reise — 5. August 1888 (oder eventuell 4./5./12. August)

Das exakte Datum ist historisch umstritten — die offiziellen Quellen nennen den 5. August 1888 als Konsens-Datum. Bertha verließ am frühen Morgen Mannheim, schob den Wagen aus der Werkstatt (um Carl nicht zu wecken). Erst nach mehreren hundert Metern starteten sie den Motor. Eugen lenkte teilweise, Richard half mit dem Wasser-Kühler nachfüllen, Bertha war die Gesamt-Anführerin.

Die berühmten Improvisationen

  • Hutnadel als Reinigungs-Werkzeug: Eine Benzin-Leitung verstopfte zwischen Wiesloch und Bruchsal. Bertha nutzt ihre Hutnadel, um sie zu reinigen. Heute noch jede Werkstatt-Anekdote.
  • Strumpfband als Zündkabel-Isolation: Eine elektrische Zündung verlor ihre Isolation. Bertha wickelt ihr Strumpfband um die freigelegten Drähte. Bis Pforzheim hielt es.
  • Schuh-Macher als Auto-Mechaniker: In Bretten musste die Leder-Klotzbremse repariert werden — ein örtlicher Schuh-Macher schnitt aus seinem Leder ein neues Bremsklotz-Material.
  • Bergauf-Schieben: Steigungen schaffte der 2,5-PS-Motor nicht. Bertha, Eugen und Richard schoben den 360-kg-Wagen mehrfach Berge hinauf — eine Vorstellung, die in Pforzheim sofort zur Patentierung eines stärkeren Zweigang-Getriebes führte (Carl baute es kurz danach ein).
  • Ligroin als Benzin-Ersatz: Benzin existierte 1888 noch nicht als Tankstellen-Produkt. In Wiesloch kaufte Bertha bei der Stadt-Apotheke des Apothekers Willi Ockel Ligroin (Fleckenwasser) — die Stadtapotheke gilt seither als erste Auto-Tankstelle der Welt.

Nach der Ankunft — der PR-Coup

Bertha schickte aus Pforzheim ein Telegramm an Carl: „Sind in Pforzheim angekommen. Bertha.” Drei Tage später kehrte sie mit den Söhnen den Weg zurück — diesmal über eine etwas andere Route (Tiefenbronn, Mühlacker). Die Lokalpresse berichtete in Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und Pforzheim — und plötzlich hatte Benz die ersten Bestellungen. Das Auto war damit ein vermarktbares Produkt geworden.

🛣 Die heutige Bertha-Benz-Memorial-Route

Seit 2008 ist die historische Strecke als Bertha-Benz-Memorial-Route offiziell als touristische Strecke ausgewiesen — mit Hinweisschildern, Info-Tafeln und einer eigenen Memorial-Route-Stiftung. Die Route umfasst die Hin- und Rückfahrt:

  • Strecke: Mannheim → Heidelberg → Wiesloch → Bruchsal → Bretten → Pforzheim → Mühlacker → Tiefenbronn → Schwetzingen → Mannheim
  • Gesamtlänge: ca. 194 km
  • Schwierigkeitsgrad: Mittel (Straßen-Mix aus Bundesstraßen und Landstraßen)
  • Fahrzeit: ca. 4-5 Stunden im Auto (Original-Route 12+ Stunden)
  • Beste Reisezeit: April bis Oktober
  • UNESCO-Status: Bertha-Benz-Memorial-Route ist Kandidat für UNESCO-Weltkulturerbe

Die wichtigsten Stationen heute

  • Mannheim: Carl-Benz-Wohn- und Sterbehaus (Waldhofstr. 24, heute Museum) + Technoseum Mannheim
  • Heidelberg: historische Hauptstraße, Schloss
  • Wiesloch: Stadt-Apotheke (Hauptstraße 28, seit 1888 in Familienbesitz, heute mit Bertha-Benz-Gedenkstätte)
  • Bruchsal: Schloss Bruchsal, Bertha-Benz-Statue am Marktplatz
  • Bretten: Bertha-Benz-Schule, Stadt-Mauer, Melanchthonhaus
  • Pforzheim: Bertha-Benz-Geburtshaus (Schmuckmuseum-Bereich), Goldstadt-Tour
  • Ladenburg: Dr. Carl Benz Auto-Museum (eines der wichtigsten privaten Auto-Museen Deutschlands)

🏛 Bertha-Benz-Memorial-Route-Stiftung

Die Bertha-Benz-Memorial-Route-Stiftung (gegründet 2007 in Ladenburg) pflegt die historische Strecke, organisiert die jährliche Bertha-Benz-Memorial-Route-Rallye (Mai/Juni — über 200 Oldtimer fahren die Strecke nach), unterstützt das Carl-Benz-Auto-Museum und fördert die Erinnerung an Bertha Benz’ Lebensleistung. Schirmherrschaft: Mercedes-Benz Classic.

❓ Häufige Fragen zur Bertha-Benz-Fahrt

Wann genau fand die Fahrt statt?

Das exakte Datum ist umstritten. Konsens-Datum nach offiziellen Quellen: 5. August 1888. Einige Historiker nennen auch den 4. August oder den 12. August 1888. Die Differenzen ergeben sich aus verschiedenen späteren Aufzeichnungen — eine sichere zeitgenössische Datierung gibt es nicht.

Hat Bertha Benz heimlich die Reise unternommen?

Ja — Carl Benz wusste nichts davon. Bertha hinterließ einen Zettel und schob mit den Söhnen den Wagen aus der Werkstatt, um Carl nicht zu wecken. Erst nach Ankunft in Pforzheim informierte sie ihn per Telegramm.

Wer fuhr eigentlich — Bertha oder die Söhne?

Bertha war Gesamt-Verantwortliche und hauptsächliche Fahrerin. Eugen (15) lenkte teilweise. Beide Söhne halfen mit dem Wasser-Kühler-Nachfüllen, mit dem Bergauf-Schieben, mit Reparaturen. Es war eine Familien-Aktion unter Bertha’s Führung.

Was war Ligroin?

Ligroin ist ein Petroleum-Destillat, das damals als Fleckenwasser und Lösungsmittel in Apotheken verkauft wurde. Es hatte ähnliche Eigenschaften wie heutiges Benzin — und konnte den Benz-Motor antreiben. Die Wieslocher Stadt-Apotheke wurde dadurch zur ersten Auto-Tankstelle der Welt.

Welche Strecke kann ich heute fahren?

Die Bertha-Benz-Memorial-Route ist eine ausgewiesene 194-km-Touristen-Strecke Mannheim → Pforzheim → Mannheim. Beschilderung mit Bertha-Benz-Logos. Die Route ist auch per Fahrrad oder zu Fuß teilweise begehbar. Mehr Info: bertha-benz.de

Wo kann ich den Original-Wagen sehen?

Der originale Benz-Patent-Motorwagen Nr. 3 von 1888 ist im Mercedes-Benz Museum Stuttgart-Untertürkheim ausgestellt (ständige Sammlung, Erdgeschoss). Außerdem gibt es eine Replik im Dr. Carl Benz Auto-Museum in Ladenburg.

Gibt es jährliche Bertha-Benz-Veranstaltungen?

Ja — die Bertha-Benz-Memorial-Route-Rallye findet jährlich Mai/Juni statt: über 200 Oldtimer aus der ganzen Welt fahren die historische Strecke nach. Mit Festakt in Pforzheim, Schmuckmesse-Beteiligung und Veteranen-Wagen-Schau in Ladenburg.

War Bertha Benz wirklich erste Auto-Fahrerin der Welt?

Sie war die erste, die eine echte Fern-Fahrt (über 100 km) mit einem Verbrennungsmotor-Auto unternahm. Vor ihr gab es kurze Demonstrations-Fahrten von Carl Benz und anderen — aber keine Fern-Reise. Damit gilt Bertha Benz als Pionierin der praktischen Auto-Nutzung.

📍 Praktische Reise-Tipps für die Memorial-Route

  • Beste Reisezeit: Mai bis September. Außerhalb Sommerferien deutlich angenehmer.
  • Eintritte: Die Außenroute ist kostenlos. Mercedes-Benz Museum Stuttgart 12 €, Dr. Carl Benz Museum Ladenburg 7 €, Bertha-Benz-Gedenkstätte Wiesloch frei.
  • Übernachten: Mannheim (Start), Wiesloch oder Pforzheim (Mitte). Heidelberg ist teurer aber touristisch attraktiv.
  • Mit Fahrrad: Teile der Route sind über den Bertha-Benz-Radweg befahrbar (140 km Variante mit Asphalt-Pfaden).
  • Mit ÖPNV: S-Bahn-Verbindungen Mannheim → Heidelberg → Wiesloch → Pforzheim regelmäßig.
  • Familien-Variante: Eintägige Light-Version Mannheim → Wiesloch → Heidelberg (40 km, 2 Auto-Stunden) mit Museum-Besuch.

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Stand: 17. Mai 2026. Interaktive Karte basiert auf OpenStreetMap (Open Data, ODbL-Lizenz). GeoJSON-Daten frei verwendbar unter CC BY-SA 4.0. Historische Annotationen aus Daimler-AG-Archiv, Bertha-Benz-Memorial-Route-Stiftung, Mercedes-Benz Classic.