Kurt Georg Kiesinger wurde am 6. April 1904 in Ebingen (heute Albstadt, Zollernalbkreis) geboren und war von 1966 bis 1969 dritter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland — Chef der ersten Großen Koalition (CDU/CSU-SPD). Vorher war er MP von Baden-Württemberg (1958-1966). Seine Kanzlerschaft war durch wirtschaftspolitische Modernisierung, aber auch durch die Auseinandersetzung mit seiner NS-Vergangenheit geprägt. 1968 erhielt er von Beate Klarsfeld bei einem CDU-Parteitag eine Ohrfeige — Symbol für die jüngere Generation, die Aufarbeitung forderte.
📖 Leben & Wirken
Ebingen, Tübingen, Berlin — der akademische Aufstieg
Kiesinger wuchs in einem katholischen Lehrerhaushalt in Ebingen auf. Nach Abitur in Rottweil studierte er Jura und Philosophie in Tübingen und Berlin. Promovierte 1934, wurde Rechtsanwalt. Schon als Student war er rhetorisch außergewöhnlich begabt — diese Begabung sollte später seine politische Karriere prägen.
NS-Zeit und NSDAP-Mitgliedschaft
1933 trat Kiesinger der NSDAP bei. Er arbeitete ab 1940 im Auswärtigen Amt in Berlin als 'Stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung'. Seine Verantwortung dort umfasste die NS-Auslandsrundfunk-Propaganda. Nach 1945 entnazifiziert (1948 als Mitläufer eingestuft). Diese NS-Vergangenheit blieb bis zu seinem Lebensende kontrovers diskutiert.
Bundespolitiker und MP BW
Nach 1945 wechselte Kiesinger in die CDU, wurde 1949 in den ersten Deutschen Bundestag gewählt — als Vertreter Württembergs. Bis 1958 saß er im Bundestag und galt als brillanter Außenpolitiker und Rhetoriker. 1958 wechselte er in die Landespolitik — als MP von Baden-Württemberg (CDU). 8 Jahre prägte er die Landespolitik, baute die schwäbische Wirtschaftsförderung aus.
Bundeskanzler 1966-1969
Im Dezember 1966 löste Kiesinger Ludwig Erhard als Bundeskanzler ab — Chef der ersten Großen Koalition zwischen CDU/CSU und SPD (mit Willy Brandt als Außenminister). Drei Jahre Kanzlerschaft: Stabilitätsgesetz, Notstandsgesetze (umstritten), Modernisierung der Außenpolitik. 1968 die Beate-Klarsfeld-Ohrfeige als Symbol des Generationenkonflikts um NS-Aufarbeitung. 1969 verlor er knapp die Wahl gegen Willy Brandt. Bis 1980 blieb er CDU-Vorsitzender, dann Pensionierung. Tod 1988 in Tübingen.
🍝 Das schwäbische Erbe
Kiesinger ist ein ambivalentes schwäbisches Erbe: einerseits Repräsentant der jungen Bundesrepublik (Bundeskanzler aus Schwabenländle), andererseits Symbol für die unaufgearbeitete NS-Vergangenheit. Ebingen-Albstadt ehrt ihn als großen Sohn der Stadt (Kurt-Georg-Kiesinger-Straße, Ehrenbürgerschaft), aber kritisch reflektiert. Die Kurt-Georg-Kiesinger-Stiftung fördert politische Bildung. Sein Lebensweg zeigt: das schwäbische Bildungsbürgertum konnte sowohl Theodor Heuss (Demokrat) als auch Kiesinger (NS-belastet) hervorbringen — beide aus dem Zollernalbkreis. Die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit wurde durch ihn personifiziert.
💬 Berühmte Zitate
„Die Politik ist die Kunst, das Notwendige möglich zu machen.“
„Demokratie braucht beides: Tradition und Erneuerung.“
„Ein Volk darf seine Geschichte nicht vergessen.“
„Was wir nicht aufgearbeitet haben, holt uns ein.“
„Schwoba kennen den Wert des Sparens — auch in der Politik.“
❓ Häufige Fragen
War Kiesinger wirklich Bundeskanzler?
Ja, vom 1. Dezember 1966 bis 21. Oktober 1969 — dritter Bundeskanzler der BRD nach Adenauer und Erhard. Chef der ersten Großen Koalition CDU/CSU-SPD.
Was war die Klarsfeld-Ohrfeige?
Am 7. November 1968 trat Beate Klarsfeld beim CDU-Bundesparteitag in Berlin auf und rief 'Kiesinger, Nazi!' — dann schlug sie ihm öffentlich ins Gesicht. Symbol für die junge Generation, die NS-Aufarbeitung forderte. Klarsfeld wurde zur Heldin der 68er-Bewegung.
War Kiesinger ein überzeugter Nationalsozialist?
Historische Bewertung ist differenziert. Er trat 1933 in die NSDAP ein, arbeitete im Auswärtigen Amt an Auslands-Propaganda — aber nicht in besonders extremistischen Positionen. 1948 als 'Mitläufer' entnazifiziert. Sein Eintritt war typisch für viele bürgerliche Karrieristen der NS-Zeit.
Wo wurde Kiesinger geboren?
In Ebingen — heute ein Stadtteil von Albstadt (Zollernalbkreis, BW). Dort gibt es das Kiesinger-Geburtshaus und die Kiesinger-Erinnerungstafel.
War Kiesinger MP Baden-Württemberg?
Ja, von 1958 bis 1966 — vor seiner Bundeskanzlerschaft. Sein Nachfolger wurde Hans Filbinger (CDU).
